Weg, Wahrheit, Leben
Impuls von der Jugendvigil im Sommer 2010
(Bibelstellen: 1 Petr 2,4-9 / Joh 14, 1-12)
Vor kurzem sagte mir ein Maturand: „Es ist doch merkwürdig, dass über die Hälfte der Mitschüler in meiner Klasse nicht wissen, was sie machen sollen nach der Matura. Ich bewundere einen bestimmten Mitschüler, der schon seit Jahren ein klares Ziel vor Augen hat.“ In den letzten Jahren kamen mehrmals junge Männer ins Kloster, die nicht wussten, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten. Sie sahen kein Ziel, manchmal sahen sie auch keinen Weg: sie trauten sich nicht zu, die Herausforderungen des Lebens zu schaffen. Kein Ziel und keinen Weg sehen, das führt zu Lähmung und Niedergeschlagenheit. Sich treiben lassen und den nächsten Tag abwarten, daraus entsteht keine Lebensfreude.
Andere haben zwar klare Lebensziele: Beruf, Erfolg, Karriere, Besitz, Gesundheit. Doch stellt sich bei solchen und ähnlichen Zielen ein Problem, sobald man ein wenig zur Besinnung kommt. Dieses Problem erschütterte den bedeutenden deutschen Dichter Heinrich von Kleist so existentiell, dass er sich schließlich 1811 das Leben nahm. Er schrieb an seine Braut Wilhelmine: „Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es nur so scheint. Ist das letzte, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr – und alles Bestreben, ein Eigentum sich zu erwerben, das uns auch ins Grab folgt, ist vergeblich. Ach, Wilhelmine, wenn die Spitze dieses Gedankens Dein Herz nicht trifft, so lächle nicht über einen andern, der sich tief in seinem heiligsten Innern davon verwundet fühlt. Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, und ich habe nun keines mehr.“ Kleist bedrängte die Frage, wie und ob er das letzte Lebensziel erkennen kann. Wie er vermeidet, ein Leben lang einer Illusion nachzurennen. Wie er ein Ziel findet, das den Tod überdauert.
Hätte Kleist auf seine bedrängenden Fragen eine Antwort gefunden, wenn er das heutige Evangelium gehört hätte? Wenn wir ehrlich sind, können wir nicht mit einem raschen, eindeutigen Ja antworten. Das bloße Hören von Jesu Botschaft garantiert noch nicht, dass ein Mensch Lebensziel und Lebensweg definitiv gefunden hat. Der Mensch ist schwer von Begriff und noch schwerer fällt ihm der feste Glaube. Das zeigt uns das Beispiel der beiden Apostel Thomas und Philippus im heutigen Evangelium. Beide waren drei Jahre lang täglich mit Jesus unterwegs, hörten seine Worte und erlebten sein Wirken. Und dennoch ist ihr Verstehen noch nicht genug in die Tiefe gedrungen. Immer noch lässt sich ihr Herz verwirren.
Der hl. Thomas sagt zu Jesus: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?“ Man könnte Thomas mit einem Christen vergleichen, der folgendermaßen charakterisiert werden kann: Er weiß, was ein Christ zu tun und zu unterlassen hat. Er würde auch sagen, dass ihm dies und jenes im Christentum etwas bringt, z. B. anregende Gottesdienste oder wertvolle Lebensratschläge. Und er engagiert sich auch im Leben der Kirche. Aber den heißen Kern des Christseins hat er noch nicht berührt. Er hat noch nicht erfasst, warum einer für diese Mitte alles andere aufgeben kann, weil sie allein zählt und genügt.
Philippus sagt zu Jesus: „Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns.“ Auch der hl. Philippus hat die wahre Bedeutung Jesu noch nicht erkannt. Er hat noch nicht erfasst, wie einmalig Jesus ist, durch gar nichts und niemanden sonst zu ersetzen. Sind wir in unserem Erkennen weiter als die beiden Apostel? Welche Bedeutung hat Jesus für mich?
Jesu Antwort auf den Einwand des hl. Thomas ist schockierend klar: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ Wenn wir dieses Wort hören, gibt es nur drei Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Erstens können wir es überhören, uns nicht wirklich von ihm treffen lassen, damit wir nur ja nichts in unserem Leben ändern müssen. Zweitens können wir jemanden mit einem solchen Anspruch für einen Verrückten oder Betrüger halten. Dann könnten wir uns aber nicht länger Christen nennen. Drittens können wir Jesus ernst nehmen und sein Wort glauben. Das hat dann aber einschneidende Konsequenzen für unser Leben.
Wie gehe ich aber sicher, dass Jesu Anspruch tatsächlich berechtigt ist? Dazu brauche ich das Licht des Heiligen Geistes, aber auch meine Bereitschaft, mich mit allen inneren Kräften zu öffnen für die Gestalt Jesu. Wenn ich Ihn dann so schaue, erkenne ich klar: Jesus ist in seinem Sein, seinen Worten, seinem Wirken, seinem Tod und seiner Auferstehung nicht anders zu begreifen als aus seiner Einheit mit dem himmlischen Vater. Er ist vollkommenes Bild des Vaters, von dem alles kommt, was ist, und der deshalb auch das Ziel von allem ist.
Die Wunder, die Jesus damals und auch heute noch durch seine Jünger wirkt, können eine Hilfe sein, um zum Glauben zu kommen. Aber auch Wunder zwingen nicht zum Glauben und sie können auch auf Täuschungen beruhen. Letztlich führt zum Glauben nur eines: Mich dem Wort und der Gestalt Jesu aussetzen, wirklich hinhören und hinschauen – und mich dann ehrlich fragen: Kann das totale Lüge sein oder ist das die Wahrheit? Überall, wo Wahrheit ist, auch in der Wissenschaft, da leuchtet sie auf und bewegt sie mich durch ihre Leuchtkraft, sie zu bejahen. Ob ich die Wahrheit wirklich bejahe, zeigt sich an meinem Handeln. Wenn ich es für wahr halte, dass Fleisch ungesund ist, dann verzichte ich auf Fleisch – oder meine Gesundheit ist mir egal.
Ist mir egal, mein wahres Lebensziel zu erreichen? Wenn nicht, dann gehe ich konsequent den Weg, der zu diesem Ziel führt. Ich suche die beständige Gemeinschaft mit Jesus, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Je mehr ich dies lebe, desto mehr erfüllt mich innere Ruhe, Freude und Friede, denn ich bin auf dem richtigen Weg. Das Ziel ist das Wohnen beim Vater. Doch dort erwartet mich kein Massenlager, wo ich evtl. gar keinen Platz mehr finde. Sondern dort erwartet mich eine für mich speziell durch Jesus reservierte Wohnung. Das heißt: Es erwartet mich die persönliche Beziehung zu Gott, meinem Vater, wie sie kein anderer hat.
Der selige Papst Johannes Paul II. sagte zu den Jugendlichen auf dem Weltjugendtag in Manila 1995: „Meine Lieben, baut euer Leben auf dem einzigen Vorbild auf, das euch nicht enttäuscht. Ich lade euch ein, das Evangelium aufzuschlagen und zu entdecken, dass Jesus Christus euer "Freund" sein will: Er will in jedem Abschnitt eures Lebensweges euer "Begleiter" sein. Er will der "Weg" sein, euer Weg durch die Ängste, Zweifel, Hoffnungen und Träume von Glück hindurch. Er ist die "Wahrheit", die eurem Bemühen und euren Kämpfen Sinn gibt. Er will euch das "Leben" schenken, wie der dem Jüngling von Naim neues Leben geschenkt hat (…). Er ist eure "Auferstehung", euer Sieg über Sünde und Tod, die Verwirklichung eures Verlangens nach ewigem Leben. Daher wird er eure "Freude" sein, der "Fels" auf dem eure Schwäche in Kraft und Optimismus umgewandelt wird. Er ist unser Heil, unsere Hoffnung, unser Glück und unser Friede. Christus!“ – Amen.
P. Bruno Rieder
(Bibelstellen: 1 Petr 2,4-9 / Joh 14, 1-12)
Vor kurzem sagte mir ein Maturand: „Es ist doch merkwürdig, dass über die Hälfte der Mitschüler in meiner Klasse nicht wissen, was sie machen sollen nach der Matura. Ich bewundere einen bestimmten Mitschüler, der schon seit Jahren ein klares Ziel vor Augen hat.“ In den letzten Jahren kamen mehrmals junge Männer ins Kloster, die nicht wussten, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten. Sie sahen kein Ziel, manchmal sahen sie auch keinen Weg: sie trauten sich nicht zu, die Herausforderungen des Lebens zu schaffen. Kein Ziel und keinen Weg sehen, das führt zu Lähmung und Niedergeschlagenheit. Sich treiben lassen und den nächsten Tag abwarten, daraus entsteht keine Lebensfreude.
Andere haben zwar klare Lebensziele: Beruf, Erfolg, Karriere, Besitz, Gesundheit. Doch stellt sich bei solchen und ähnlichen Zielen ein Problem, sobald man ein wenig zur Besinnung kommt. Dieses Problem erschütterte den bedeutenden deutschen Dichter Heinrich von Kleist so existentiell, dass er sich schließlich 1811 das Leben nahm. Er schrieb an seine Braut Wilhelmine: „Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es nur so scheint. Ist das letzte, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr – und alles Bestreben, ein Eigentum sich zu erwerben, das uns auch ins Grab folgt, ist vergeblich. Ach, Wilhelmine, wenn die Spitze dieses Gedankens Dein Herz nicht trifft, so lächle nicht über einen andern, der sich tief in seinem heiligsten Innern davon verwundet fühlt. Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, und ich habe nun keines mehr.“ Kleist bedrängte die Frage, wie und ob er das letzte Lebensziel erkennen kann. Wie er vermeidet, ein Leben lang einer Illusion nachzurennen. Wie er ein Ziel findet, das den Tod überdauert.
Hätte Kleist auf seine bedrängenden Fragen eine Antwort gefunden, wenn er das heutige Evangelium gehört hätte? Wenn wir ehrlich sind, können wir nicht mit einem raschen, eindeutigen Ja antworten. Das bloße Hören von Jesu Botschaft garantiert noch nicht, dass ein Mensch Lebensziel und Lebensweg definitiv gefunden hat. Der Mensch ist schwer von Begriff und noch schwerer fällt ihm der feste Glaube. Das zeigt uns das Beispiel der beiden Apostel Thomas und Philippus im heutigen Evangelium. Beide waren drei Jahre lang täglich mit Jesus unterwegs, hörten seine Worte und erlebten sein Wirken. Und dennoch ist ihr Verstehen noch nicht genug in die Tiefe gedrungen. Immer noch lässt sich ihr Herz verwirren.
Der hl. Thomas sagt zu Jesus: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?“ Man könnte Thomas mit einem Christen vergleichen, der folgendermaßen charakterisiert werden kann: Er weiß, was ein Christ zu tun und zu unterlassen hat. Er würde auch sagen, dass ihm dies und jenes im Christentum etwas bringt, z. B. anregende Gottesdienste oder wertvolle Lebensratschläge. Und er engagiert sich auch im Leben der Kirche. Aber den heißen Kern des Christseins hat er noch nicht berührt. Er hat noch nicht erfasst, warum einer für diese Mitte alles andere aufgeben kann, weil sie allein zählt und genügt.
Philippus sagt zu Jesus: „Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns.“ Auch der hl. Philippus hat die wahre Bedeutung Jesu noch nicht erkannt. Er hat noch nicht erfasst, wie einmalig Jesus ist, durch gar nichts und niemanden sonst zu ersetzen. Sind wir in unserem Erkennen weiter als die beiden Apostel? Welche Bedeutung hat Jesus für mich?
Jesu Antwort auf den Einwand des hl. Thomas ist schockierend klar: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ Wenn wir dieses Wort hören, gibt es nur drei Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Erstens können wir es überhören, uns nicht wirklich von ihm treffen lassen, damit wir nur ja nichts in unserem Leben ändern müssen. Zweitens können wir jemanden mit einem solchen Anspruch für einen Verrückten oder Betrüger halten. Dann könnten wir uns aber nicht länger Christen nennen. Drittens können wir Jesus ernst nehmen und sein Wort glauben. Das hat dann aber einschneidende Konsequenzen für unser Leben.
Wie gehe ich aber sicher, dass Jesu Anspruch tatsächlich berechtigt ist? Dazu brauche ich das Licht des Heiligen Geistes, aber auch meine Bereitschaft, mich mit allen inneren Kräften zu öffnen für die Gestalt Jesu. Wenn ich Ihn dann so schaue, erkenne ich klar: Jesus ist in seinem Sein, seinen Worten, seinem Wirken, seinem Tod und seiner Auferstehung nicht anders zu begreifen als aus seiner Einheit mit dem himmlischen Vater. Er ist vollkommenes Bild des Vaters, von dem alles kommt, was ist, und der deshalb auch das Ziel von allem ist.
Die Wunder, die Jesus damals und auch heute noch durch seine Jünger wirkt, können eine Hilfe sein, um zum Glauben zu kommen. Aber auch Wunder zwingen nicht zum Glauben und sie können auch auf Täuschungen beruhen. Letztlich führt zum Glauben nur eines: Mich dem Wort und der Gestalt Jesu aussetzen, wirklich hinhören und hinschauen – und mich dann ehrlich fragen: Kann das totale Lüge sein oder ist das die Wahrheit? Überall, wo Wahrheit ist, auch in der Wissenschaft, da leuchtet sie auf und bewegt sie mich durch ihre Leuchtkraft, sie zu bejahen. Ob ich die Wahrheit wirklich bejahe, zeigt sich an meinem Handeln. Wenn ich es für wahr halte, dass Fleisch ungesund ist, dann verzichte ich auf Fleisch – oder meine Gesundheit ist mir egal.
Ist mir egal, mein wahres Lebensziel zu erreichen? Wenn nicht, dann gehe ich konsequent den Weg, der zu diesem Ziel führt. Ich suche die beständige Gemeinschaft mit Jesus, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Je mehr ich dies lebe, desto mehr erfüllt mich innere Ruhe, Freude und Friede, denn ich bin auf dem richtigen Weg. Das Ziel ist das Wohnen beim Vater. Doch dort erwartet mich kein Massenlager, wo ich evtl. gar keinen Platz mehr finde. Sondern dort erwartet mich eine für mich speziell durch Jesus reservierte Wohnung. Das heißt: Es erwartet mich die persönliche Beziehung zu Gott, meinem Vater, wie sie kein anderer hat.
Der selige Papst Johannes Paul II. sagte zu den Jugendlichen auf dem Weltjugendtag in Manila 1995: „Meine Lieben, baut euer Leben auf dem einzigen Vorbild auf, das euch nicht enttäuscht. Ich lade euch ein, das Evangelium aufzuschlagen und zu entdecken, dass Jesus Christus euer "Freund" sein will: Er will in jedem Abschnitt eures Lebensweges euer "Begleiter" sein. Er will der "Weg" sein, euer Weg durch die Ängste, Zweifel, Hoffnungen und Träume von Glück hindurch. Er ist die "Wahrheit", die eurem Bemühen und euren Kämpfen Sinn gibt. Er will euch das "Leben" schenken, wie der dem Jüngling von Naim neues Leben geschenkt hat (…). Er ist eure "Auferstehung", euer Sieg über Sünde und Tod, die Verwirklichung eures Verlangens nach ewigem Leben. Daher wird er eure "Freude" sein, der "Fels" auf dem eure Schwäche in Kraft und Optimismus umgewandelt wird. Er ist unser Heil, unsere Hoffnung, unser Glück und unser Friede. Christus!“ – Amen.
P. Bruno Rieder
